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Das Haus der Erde. Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land

16. April 2019

Diskussionspapier zum 15. BDA-Tag „Kulisse und Substanz. Plädoyer für eine ökologisch-gesellschaftliches Umdenken“ am 25. Mai in Halle / Saale

Angesichts des fortschreitenden Klimawandels lädt der BDA-Tag zu einer Diskussion über geänderte politische Rahmenbedingungen, über die verantwortliche Haltung von Architektinnen und Architekten und über ein neues gesellschaftliches Narrativ ein. Grundlage der Debatte ist das BDA-Positionspapier „Das Haus der Erde“.
Wir laden Sie herzlich ein, mit uns beim BDA-Tag über diese Thesen zu diskutieren.

Das Diskussionspapier steht auch unten zum Download als pdf bereit.

Das Haus der Erde.  Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land

Prolog

Was wollen wir hinterlassen? Wir haben nur dieses eine Habitat. Für seinen Erhalt tun wir als Architektinnen und Architekten, als Stadtplanerinnen und Stadtplaner zu wenig.

Dabei ist unsere Vorstellungskraft, unsere Phantasie zur Beantwortung der Frage, wie wir zukünftig leben wollen, von großer Bedeutung. Diese Zukunft gestalten wir jetzt. Eine Konzeption von Städten, Infrastrukturen, Wohnhäusern, Fabrikations- und Bürogebäuden entscheidet, ob Menschen ihr Leben besser in Einklang mit der Umwelt bringen können. Architekten und Stadtplaner sind Impulsgeber, und ihre gebauten Werke können Katalysatoren für ein Umdenken sein.

Vor zehn Jahren haben Architekten, Stadtplaner und Ingenieure mit dem Klimamanifest „Vernunft für die Welt“ (www.klima-manifest.de) eine Selbstverpflichtung formuliert, um gemeinsam mit Bauindustrie und Bauherren einen ökologischen Wandel im Planen und Bauen zu erreichen.

Zehn Jahre haben zwar Veränderungen bewirkt, doch die Erfordernisse des Umweltschutzes wurden allenfalls an der Oberfläche berührt. Dies ist auch Ergebnis einer stillschweigenden Rollenverteilung, wonach von der Politik Rahmenbedingungen erwartet werden, eigenverantwortliches Handeln darüber hinaus aber ausbleibt. Diese Kombination aus milder Zerknirschung, Besorgnis um den eigenen Status und mangelndem Mut für eine radikale Änderung unserer Lebenswirklichkeit, die immer noch vom Wachstumsgedanken getrieben wird, stößt – seit langem – an Grenzen.

Wir müssen mehr tun, um der Verantwortung unserer Profession und der Relevanz von Architektur für den Klimawandel gerecht zu werden. Natürlich werden wir alleine die Welt nicht retten. Unsere Mitverantwortung für die globalen Folgen des Klimawandels fordert uns jetzt als Vorreiter einer klimagerechten Architektur. So können wir ein Umdenken im größeren Kontext initiieren.

Neben den ökologischen Folgen des Klimawandels werden auch dessen soziale Folgen deutlicher. Ein friedliches und gerechtes Zusammenleben wird auf internationaler, ja sogar auf europäischer Ebene immer stärker von den Klimafolgen mit ihren weitreichenden Auswirkungen auf die Akzeptanz und das Vertrauen in gesellschaftliche und politische Systeme bedroht.

Die BDA-Positionen „Das Haus der Erde“ definieren in einem ganzheitlichen Verständnis relevante Handlungsfelder für ein klimagerechtes Weiterdenken und Weiterbauen unserer Städte und Regionen. Hierfür tragen wir Verantwortung.

Für die Umsetzung unserer Selbstverpflichtung brauchen wir ein gemeinsam von öffentlichen und privaten Bauherren, von Bauindustrie und Handwerk sowie von Bauindustrie und Wohnungswirtschaft getragenes Bekenntnis zu einem Umsteuern. Die Wahrung unserer Lebensgrundlagen darf nicht dem freien Spiel der Märkte anheimgestellt werden.

Postulate

I. Politisch denken und sich einmischen

Es ist genug. Täglich verstoßen wir, verstoßen Gesellschaft und Politik gegen den Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Mit der westlichen Lebenseinstellung, alles jederzeit machen und haben zu können, ist es vorbei. Unser Leben muss sich an einem neuen, ökologisch vertretbaren Maß ausrichten.

Wir dürfen nicht länger warten, bis sich das von Lobbyisten beeinflusste Zögern und Abwarten ändert. Wir müssen politisch denken und handeln, müssen uns einmischen, Eigeninitiative entwickeln und zivilen Ungehorsam proben. Wir müssen zeigen, dass der tägliche Umweltwahnsinn, wie beispielsweise der ungebremste Flächenfraß, der Vorrang von Neubauten oder der Mobilitätsfetisch nicht alternativlos sind. Ansonsten brauchen wir über eine Zukunft nicht mehr nachzudenken. Wir sind dran.

 II. Erzählungen für ein neues Zukunftsbild

Unser Zukunftsprojekt ist es, ein ökologisch verantwortliches Leben zu imaginieren, zu ermöglichen und mitzugestalten. Mit Phantasie, mit kreativem und konzeptionellem Denken können Architekten und Stadtplaner ein motivierendes und begeisterndes Zukunftsbild entwerfen.

Damit ökologische Verhaltensweisen akzeptiert und praktiziert werden, müssen sie vorstellbar und erlebbar werden – sinnlich und wirklichkeitsnah. Architektur kann in Stadt und Regionen ein starker Motivator für ein ökologisches Umdenken sein, das nicht als Verzicht, sondern als Gewinn sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft erfahrbar wird.

III. Achtung des Bestands

Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen. Priorität kommt dem Erhalt und dem materiellen wie konstruktiven Weiterbauen des Bestehenden zu und nicht dessen leichtfertigem Abriss. Das Konzept der „grauen Energie“, die vom Material über den Transport bis zur Konstruktion in Bestandsgebäuden steckt, wird ein wichtiger Maßstab zur energetischen Bewertung sowohl im Planungsprozess als auch in den gesetzlichen Regularien. Wir brauchen eine neue Kultur des Pflegens und Reparierens.

 IV. Intelligenz des Einfachen

Die technische Aufrüstung zu „intelligenten Gebäuden“ und das Übermaß an Dämmmaterialien haben nicht zu langlebigen und energetisch nachhaltigen Bauten geführt. Beide Konzepte sind in eine Sackgasse geraten.

Eine dem Klimawandel gerecht werdende Architektur nutzt und reguliert mit typologischen, konstruktiven und thermischen Strukturen die jeweiligen klimatischen Bedingungen für ein Wohlbefinden der Nutzer. Referenz kann dabei die energetische Intelligenz von tradierten regionalen Bauweisen sein. Das Einfache kann komplexe Zusammenhänge bewältigen.

V. Bauen als materielle Ressource

Alle zum Bauen benötigten Materialen müssen vollständig wiederverwendbar oder kompostierbar sein. Nur so kann die gigantische Menge an Verpackungen, Umverpackungen und Materialen im Bauprozess und für das Gebäude selbst reduziert werden.

Es gehört zum architektonischen Entwurf, Rezyklate im Neu- und Umbau mit einem gestalterischen Anspruch einzusetzen und zu erreichen, dass ganze Bauteile später selbst wieder zur Ressource werden. Verbunden ist damit ein ökologischer Anspruch an die Materialien und deren Verwendung.

VI. Vollständige Entkarbonisierung

Der Verzicht auf kohlenstoffbasierte Materialien und fossile Brennstoffe im Bauen tritt als wichtiges ökologisches Kriterium an die Stelle der Energieeffizienz. Eine Entkarbonisierung erfordert einen Paradigmenwechsel im Material- und Energieeinsatz. Statt energieintensiv erzeugter Materialien wie Beton und Stahl liegt der Schwerpunkt auf natürlichen Materialien wie Stein, Holz und Lehm. Ebenso verlangt eine Entkarbonisierung den Einsatz emissionsfreier Baumaschinen im Bauprozess und eine CO2-neutrale Energieversorgung der Gebäude.

VII. Neue Mobilitätsformen

Mobilität ist nicht allein eine infrastrukturelle Aufgabe. Hier entscheidet sich, wie umweltverträglich wir uns bewegen und über welche Lebensqualität Städte verfügen. Mobilität muss als konzeptionelle und gestalterische Aufgabe von Architekten und Stadtplanern verstanden werden, um grundsätzlich ein ökologisch und klimatisch verträgliches Mobilitätsverhalten zu erreichen.

Das Motto der „Stadt der kurzen Wege“ weist als gültiges Leitmotiv einer gesamtheitlichen Entwicklung Fußgängern, Radfahren und dem öffentlichen Nahverkehr eine Priorität gegenüber dem motorisierten Individualverkehr zu und schafft so lebendige Stadträume. Ebenso ist der Zusammenhang zwischen Stadt und Region zu denken, der statt einer Zunahme des Verkehres eine neue Infrastruktur schafft, die die Voraussetzungen für neue Mobilitätsformen bildet.

VIII. Polyzentraliät stärken

Die gewachsene Polyzentraliät Deutschlands muss gestärkt werden, um das konjunkturinduzierte Wachstum der Städte einerseits und den rasant zunehmenden Pendlerverkehr andererseits zu begrenzen. Klein- und Mittelstädte sind dafür als Lebens- und Arbeitsorte in ihrem kulturell-sozialen Angebot und ihrer wirtschaftlichen Basis zu festigen.

Städtebau und Architektur sind Bausteine für ein neues, ein ökologisches Selbstverständnis von Gemeinschaft und Regionalität und unterstützen so den strukturellen Wandel der Regionen.

IX. Kultur des Experimentierens

Ideen und Vorschläge für klimagerechte Lebens- und Verhaltensweisen, mit denen wir nachfolgenden Generationen eine Zukunft auf der Erde bewahren können, waren noch nie so vielfältig wie heute.

Durch Experimentieren und Lernen, durch Navigieren und Korrigieren dieser Ideen entstehen Innovationen, die Angebote für einen ökologischen Verhaltenswandel auf unterschiedlichen Ebenen eröffnen. Dafür können dezentrale und miteinander vernetzte Reallabore als Katalysator wirken, in denen Architekten und Stadtplaner gemeinsam mit verschiedenen Akteuren experimentell an intelligenten und kollektiven Lösungen arbeiten.

 X. Politische Versuchsräume

Neue Ideen brauchen angemessene politische Räume für ihre Erprobung. Experimentierklauseln im rechtlichen Rahmen schaffen den nötigen Freiraum für Innovationen und für die Anpassung von politischen Regulierungen an neue Entwicklungen. Insofern sind solche Experimentierräume ein wichtiger Pfeiler für eine zeitgemäße, dem Nachhaltigkeitsgedanken verpflichtete Politik und Verwaltung.

Perspektiven

Architektinnen und Architekten, Stadtplanerinnen und Stadtplaner arbeiten kreativ und gestalterisch. Gute Gestaltung wird dabei zu einem sinnlich wahrnehmbaren Ausdruck für das neue Verantwortungsgefühl, das die Bauten trägt und das sie sichtbar nach außen vertreten. Den Zukunftsglauben an eine nachhaltige Entwicklung können wir stärken, indem das Weiterbauen unserer Städte und Regionen den Erfordernissen des Klimawandels gerecht wird und sich durch eine hohe Gestaltqualität auszeichnet. Architektur in einem umfassenden Verständnis wird dann zu einem wichtigen Teil des gesellschaftlichen Narrativs, das nicht den Verzicht, sondern den Gewinn der ökologischen Wende kommuniziert.

Wir fordern eine klare Ausrichtung aller politischen Entscheidungen auf den Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Wir fordern eine methodenoffene und stringente Klimapolitik mit Experimentierräumen sowie klaren Anreizstrukturen (CO2-Steuer) zur Reduktion und Vermeidung des CO2-Ausstoßes. Wir fordern die konsequente Anpassung der gesetzlichen Rahmenbedingungen an die Notwendigkeiten, die der Klimawandel mit sich bringt.

Wir fordern eine eindeutige Ausrichtung aller öffentlichen Bauaufgaben auf die Anforderungen des Klimawandels und auf die Prämisse eines zu stärkenden gesellschaftlichen Zusammenhalts.

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