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Architektur im >Kontext< 2019 - Nachbericht zum Vortrag des belgischen Architekturbüros Govaert & Vanhoutte architects

18. Februar 2019

„Less and nothing more“

Nachbericht zum Vortrag des belgischen Architekturbüros Govaert & Vanhoutte architects, der durch minimalistische Konzepte mit maximalem Effekt die Zuhörer begeisterte.

(BDA) Am vergangenen Montag fand im LWL-Museum für Kunst und Kultur die dritte Ausgabe der diesjährigen Werkvortragsreihe „Architektur im >Kontext<“ statt. Seit 2009 richten der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und der Bund Deutscher Architekten (BDA Münster-Münsterland) das beliebte Format aus. Aus dem in Brügge ansässigen Büro Govaert & Vanhoutte architects kamen zum Vortrag gleich beide namensgebenden Architekten – Benny Govaert und Damiaan Vanhoutte – nach Münster, die einige ihrer kontextbezogenen Arbeiten präsentierten und sich damit perfekt in die Vortragsreihe integrierten. „Architektur im >Kontext<“ versteht sich als Gegenbewegung zur häufig kritiklosen Glorifizierung internationaler Architekturgroßprojekte, die immer seltener Bezug auf die vorgefundene Situation nehmen und oft den städtebaulichen Kontext ignorieren.

Foto: Tim Van De Velde
Foto: Tim Van De Velde

„Eine Synergie unserer Gemeinsamkeiten und unterschiedlicher Talente“, so beschreiben die beiden Chefarchitekten Benny Govaert und Damiaan Vanhoutte die Arbeiten ihres belgischen Büros. Beide haben in den 80er Jahren in Gent Architektur studiert. Govaert ist außerdem studierter Städtebauer und Vanhoutte hat einen Abschluss in Bildhauerei. All das lassen die Belgier in jeden ihrer Bauprozesse einfließen. Abstrakte Kunst dient als Inspiration ihrer konsequenten Kompositionen und die Balance zwischen Architektur und Natur als treibende Kraft. Es ist die Liebe zum Detail, das Wechselspiel von offenen und geschlossenen Oberflächen sowie die nüchterne Struktur, die die Signatur des Architekturbüros bildet. Achsen, Flächen und räumliche Grenzen definieren die Koordinaten ihrer Projekte. Die Konzepte des Büros basieren stets auf dem jeweiligen räumlichen Kontext. Das Verhältnis von Innen und Außen spielt dabei eine essenzielle Rolle. Sowohl Natur als auch benachbarte Architektur fließen in die Kompositionen ein und werden in den Entwurf integriert. Beispielsweise werden architektonische Elemente benachbarter Gebäude aufgegriffen und fortgeführt, sodass ein Dialog zwischen Alt und Neu entsteht. Besonders herausfordernd für die Architekten ist es Projekte zu konzipieren, die über keinen räumlichen Kontext verfügen. In einem solchen Fall wird die Problemstellung genau analysiert, um verschiedene Lösungsansätze aus unterschiedlichen Perspektiven zu erarbeiten. Die Konzentration liegt dabei immer auf dem Wesentlichen. Mit 18 Mitarbeitern und Projekten von Wohnhäusern über Wohnkomplexe bis hin zu einem Dutzend Kulturdenkmälern, hat sich Govaert & Vanhoutte architects auch außerhalb Belgiens einen Namen in der Szene gemacht. Das Portfolio des Brügger Büros zeigt das sensible Verständnis von Gegenwart und Geschichte auf. Zahlreiche Publikationen in renommierten Fachmedien sowie internationale Auszeichnungen bestätigen den Erfolg der Architekten.

Foto: Govaert & Vanhoutte architects
Foto: Govaert & Vanhoutte architects

Im Rahmen der Vortragsreihe „Architektur im >Kontext<“ stellten die zwei Architekten am vergangenen Montag in einer umfangreichen Präsentation zwölf repräsentative Arbeiten ihres Büros vor. Darunter auch den Pavillon auf dem Tyne Cot Friedhof, der mit fast 12.000 Gräbern beigesetzter Soldaten die weltweit größte Gedenkstätte des Commonwealth-Kriegs ist. Der Pavillon fungiert als Besucherzentrum und kann als Paradebeispiel für den funktionalen Baustil des Büros angeführt werden: Anhand der Achsen des bestehenden Friedhofsgeländes wurde die Lage des Pavillons bestimmt. Der kubische Entwurf aus Sichtbeton und Glas ermöglicht die Kommunikation zwischen Innen und Außen – zwischen Architektur und Natur – und sorgt für eine fast meditative Atmosphäre. Die eine Seite des Pavillons scheint zu schweben während die andere Seite fest auf dem Grund verankert ist. Diese Balance zeigt zugleich das Verhältnis von Leben und Tod auf. Die Kontextualisierung dieses Projekts aus dem Jahr 2014 ist eindeutig. Auch ein Wohnkomplex in Gent von 2015 wurde als signifikantes Beispiel präsentiert: Bei diesem Auftrag wendeten die Architekten Formen im Verhältnis des sogenannten Goldenen Schnitts an, deren Proportionen auf das menschliche Auge besonders ästhetisch wirken. Der Fluss der unmittelbar benachbarten Architektur sollte nicht unterbrochen werden, sodass die Achsen und Linien der nebenstehenden Gebäude im Wohnkomplex aufgegriffen und fortgeführt wurden. Diese Komposition ist ein Exempel für den Dialog zwischen Alt und Neu, Gegenwart und Geschichte, der die Arbeiten von Govaert & Vanhoutte architects auszeichnet.

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