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Stadtentwicklung und Mobilität in Remscheid – wie die Stadt auf den Hügeln ihre Zukunft plant

13. Juli 2018

Remscheid – die Stadt auf den Hügeln mit attraktiven Ausblicken in die Landschaft. Foto: Monika Medam

Zur Attraktivität von Innenstädten gehören eine gebaute Umgebung, mit der man sich identifiziert und gut ausgebaute Fahrradwege als Element urbaner Mobilität. Über die Pläne in unserer Nachbarstadt Remscheid wollten wir mehr wissen und haben mit dem neuen Baudezernenten der Stadt Peter Heinze und der Architektin Sophie Welke gesprochen.

BDA: Herr Heinze, Sie sind seit November 2017 Baudezernent von Remscheid. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Projekte dieser Stadt?

Heinze: Es gibt eine ganze Reihe wichtiger Projekte, die hier anstehen. Das fängt an bei Stadtentwicklungsmaßnahmen, zum Beispiel alles rund um die Alleestraße und die Entwicklung des Stadtteils Honsberg. Dann ist die Ansiedlung des DOCs (Designer Outlet Center, Anm.d.Red.) von McArthurGlen ein ganz großes Thema. Und es gibt eine hohe Erwartungshaltung bei den Bürgern im Hinblick auf die Entwicklung neuer Wohnbauflächen und die Schaffung neuer Gewerbeflächen. Das ist das Gesamtpakt, das geschnürt werden muss.

Klaus Helmer
Klaus Helmer
Peter Heinze, Baudezernent von Remscheid, 2009 bis 2017 Wirtschaftsförderer in Hilden, 1999 bis 2009 Stadtplaner und Wirtschaftsförderer in Willich

BDA: Sie waren vorher Wirtschafsförderer in Hilden. Hilden zählt zu den attraktivsten Städten vergleichbarer Größenordnung. Remscheid steht nicht auf der Topliste, wenn man an attraktive Städte in NRW denkt. Was glauben Sie, woran das liegt?

Heinze: Ich komme aus dem Rheinland, bin aber sehr bewusst nach Remscheid gewechselt. Als Stadtplaner findet man viele Dinge spannend, und das sind nicht immer unbedingt die prestigeträchtigen. In Remscheid geht es zum Beispiel darum, dass die Stadt ein viel größeres Selbstbewusstsein bekommt und sich überhaupt erst einmal auf ihre Stärken besinnt. Die Profilierung muss viel deutlicher herausgearbeitet werden. Der Transfer von der „Seestadt auf dem Berge“ hin zu einer modernen Industriestadt ist schon ein unglaublich aufregender Prozess, der selbstbewusst vorgetragen werden muss.

BDA: Woher kommt dieser Begriff?

Heinze: In Remscheid wird nach wie vor viel für die Seefahrt produziert. Metallwaren, die im Schiffsbau und auf Werften eingesetzt wurden. Remscheid ist heute die Stadt der Patente, sogar deutschlandweit, ein starkes Alleinstellungsmerkmal, das kaum bekannt ist.

Welke: Wir sind in Remscheid in unseren Strukturen sehr unterschiedlich. Wenn man zum Beispiel einen Kölner fragt, wo er wohnt, sagt er nicht in Köln, sondern er sagt, in Sülz, in Klettenberg oder in Porz. Da gibt es die Veedelstruktur, die wir hier zwar auch haben, aber in Köln steht über allem der Dom, das Kölsch und der Karneval. So haben sie verbindende Elemente, auf die sich alle Kölner besinnen.  Wenn ich das auf Remscheid übertrage, wir haben ein funktionierendes Lennep, wir haben ein funktionierendes Lüttringhausen, wir haben tolle Bestrebungen in Honsberg zur Identifikation mit dem Stadtteil, aber was haben wir gemeinsam? Jeder Stadtteil hat so gute Strukturen, dass es nicht nötig ist, in einen anderen Stadtteil zu wechseln, um etwa schwimmen zu gehen oder einkaufen oder ähnliches. Und dann kommt noch die Topographie dazu, eine Stadt, deren Hügel bebaut sind, die Täler aber nicht. Wir haben eine lange Querachse von Ost nach West und Berge Richtung Süden, dazwischen sind die Täler. Ich komme immer bis zur Mittelachse, aber ich komme nicht auf die andere Seite. Das ist eine Herausforderung, wir müssen daran arbeiten, uns besser zu vernetzen.

Welke Architekten
Welke Architekten
Sophie Welke, Architektin, 2013 Berufen in den BDA, seit 2005 Inhaberin des Architekturbüros Welke Architekten in Remscheid

BDA: Was wäre denn das große Gemeinsame für Remscheid? Etwas, was auch Pendler locken könnte, ihren Wohnsitz nach Remscheid zu verlegen?

Heinze: Das Attraktive ist der Landschaftsraum in Remscheid. Das heißt zum Beispiel, dass viele Wohnlagen immer mit Ausblicken in die Landschaft verbunden sind. Sie haben überall natürliche Aussichtspunkte, weil das Gefälle so stark ist. Und den unmittelbaren Grünbezug, weil die Täler in der Regel unbebaut sind. Das ist in jedem Quartier so, und das macht die Stadt zu einem sehr attraktiven Wohnstandort.

„Remscheid ist eine Stadt, in die Menschen zum Arbeiten kommen. Wir haben einen deutlichen Einpendlerüberschuss – aus Köln, aus der ganzen Rheinschiene, aus Wuppertal und aus Solingen. Eine Besonderheit, die genutzt werden muss, um neue Bewohner zu gewinnen.“

Welke: Das Problem ist aber, dass wir kaum Bauland haben. Wir haben kaum geeignete Immobilien, um z.B. Pendlern aus Köln etwas Adäquates bieten zu können.

Heinze: Das hängt auch mit dem Qualitätsbegriff von Wohnraum zusammen. Bei dem Innenstadtprojekt Alleestraße zum Beispiel geht es darum, den Bestand dort unter die Lupe zu nehmen und zu überlegen, wie die Revitalisierung gelingen kann und Neues entsteht. Sehr viele der Strukturen sind aus der Nachkriegszeit oder aus den frühen 60er Jahren. Die Bausituation entspricht nicht mehr den aktuellen Wohnanforderungen. Die Grundrisse sind zu kleinflächig und eng, auch die Küchenstandorte passen nicht mehr in die heutige Zeit. Es geht darum, moderne Mehrfamilienhäuser in Innenstadtnähe zu errichten und die tolle Aussicht in die Rheinebene zu nutzen. Das ist eine enorme Umstrukturierungsaufgabe, den Bestand zu verändern. Es ist eine Aufgabe, der wir uns stellen wollen. Das wird nur aufgehen, wenn wir in zeitgemäßer Architektur gestalten, mit der sich die Menschen identifizieren können. Dabei muss sich Remscheid an Köln und Düsseldorf orientieren.

Welke: Konkret haben wir das Problem, dass wir hier die Baupreise von Köln und Düsseldorf haben, aber die Mietpreise deutlich niedriger sind. Investitionen für den Immobilienbesitzer lohnen sich im Moment noch nicht, weil er nicht die Miete erwirtschaften kann, um das Projekt zu refinanzieren. Da wird es eben spannend sein, zu sehen, wohin die Reise geht. Einfamilienhäuser findet man in Remscheid nur schwer, der Markt ist leergefegt, Immobilienportale helfen nicht, weil die wenigen Objekte unter der Hand vergeben werden. Aber es muss ja nicht immer das Haus mit Garten sein, die schöne Wohnung auf der Alleestraße mit Blick nach Köln und einem Kitaplatz in der Nähe kann ein Modell sein, das für Remscheid interessant wird.

Heinze: Wir sind Haushaltssicherungskommune. Die finanziellen Spielräume sind eng. Es sind gute Ideen gefragt, denn teure Umsetzungsprozesse wie z.B. in Düsseldorf oder Köln können wir uns nicht leisten. Wir setzen auf kleine Umsetzungsschritte.

Welke: Langfristig wird das auch zum Erfolg führen. Das sind dann keine Eintagsfliegen, die gepuscht wurden, sondern Maßnahmen, die aus einem Selbstverständnis der Bürgerschaft heraus sich auch entwickeln können.

„Wir haben in Remscheid alles Mögliche, aber wir verstecken das, was es hier an Infrastruktur, architektonischen und kulturellen Besonderheiten gibt.“

Ein Beispiel: ich bin zugezogen, wollte zum Schwimmbad, stand dann irgendwann auf dem Parkplatz – und habe das Schwimmbad nicht gefunden.  Es war nicht zu erkennen, die Architektur ist nicht so, dass sie als Hinweis funktioniert.

Heinze: Ich sehe das jetzt auch als Appell an mich. Es gibt viele gute Projektbeispiele in Remscheid, Schätze, die geborgen werden wollen, die aus ihrem Versteck geholt werden müssen, um für Alle sichtbar zu werden. Das alte Standesamt in Remscheid-Lennep ist ein solches geglücktes Beispiel, ein ganz tolles klassizistisches Gebäude, das beispielgebend saniert wurde. Ein anderes Beispiel: Das Gebäude der Forschungsgemeinschaft für Werkzeuge und Werkstoffe (FGW), ein Spitzeninstitut, das exquisite Materialforschung betreibt und für Unternehmen Produktentwicklung mit neuen Materialien forciert. Die Forschungsgemeinschaft ist nicht leicht zu finden. Der Standort liegt etwas abseits, bergab, fern der Hauptstraßen. Ihr Gebäude ist für Remscheid atypisch farbenfroh gestaltet. Es wird von der Bevölkerung kaum wahrgenommen. Es wird darum gehen, die Besonderheiten Remscheids zu zeigen, die eben nicht in den Stadtzentren oder an den großen Verkehrsachsen zu finden sind. Gute Beispiele aus Remscheid sichtbar zu machen ist ein ganz wichtiges Thema!

BDA: Zur Stadtplanung und Stadterneuerung gehört auch das Thema Mobilität. Wie sehen da Ihre Pläne aus?

Heinze: Fahrradfahren ist eine Idee für Nahmobilität: Wir haben jetzt viel über Topografie gesprochen. Fahrradfahren und Remscheid ist erstmal nicht naheliegend und ein Widerspruch in sich. Als Mittel im Freizeitverkehr spielt das Fahrrad eine erhebliche Rolle, aber auch für den Alltagsverkehr wird es zunehmend wichtiger.

„Wir wollen in Remscheid qualitätsvolle Radwege schaffen und uns mit dem regionalen Netz der Radwege in den Tälern verknüpfen.“

Wir sind jetzt dabei, ein Radwegekonzept für den Alltagsverkehr zu entwickeln, kombiniert mit touristischen Ergänzungen. Es gibt da verschiedene Ideen, die „Trasse des Werkzeugs“ und die „Balkantrasse“ mit den anderen Trassen zu verknüpfen. Die Trassen sind Fahrradwege auf ehemaligen Bahntrassen, die eine enorme regionale Bedeutung für den Radverkehr haben.

BDA: E-Bikes schaffen neue Nutzergruppen, nämlich die, die vorher vor den vielen Hügeln kapituliert haben.

Welke: Ich zum Beispiel. Ich habe seit 1,5 Jahren ein E-Bike, bin jetzt auch damit hier und lerne seitdem Remscheid noch mal ganz anders kennen. So glaube ich zum Beispiel fest daran, dass uns Fahrradewege dabei helfen werden, die Stadt miteinander zu verknüpfen. Ich erlebe immer wieder, dass zum Beispiel die Verbindung Wermelskirchen – Lennep durch die Trasse super gut funktioniert. Wenn wir das auch innerhalb Remscheids schaffen würden, wäre das auch für die Identifikation der Remscheider ein Mehrwert. Aber wir haben nicht nur Topografie, wir haben auch Wetter. Es regnet viel. Wenn die Wettervorhersage morgens sagt, es bleibt den ganzen Tag sicher trocken, sind die Trassen doppelt so voll. Man merkt daran, dass viele Menschen bereit sind, aufs Fahrrad zu steigen, wenn es trocken bleibt. Ein Problem in Anführungszeichen ist allerdings, dass wir hier einen hervorragenden ÖPNV haben, ein tolles Busnetz, das auch die Stadtteile untereinander verbindet.

BDA: Ein Wort noch zum geplanten Designer Outlet Center, das Megaprojekt für Remscheid- Lennep. Wie ist da der Stand der Dinge?

Heinze: Wir streiten vor allem mit unserer Nachbarstadt Wuppertal. Dieser Streit muss zunächst juristisch ausgefochten werden, dann geht es weiter. Dennoch wartet die Remscheider Bevölkerung ungeduldig auf den Baubeginn. Sie befürwortet anders als bei anderen Factory-Outlet-Vorhaben in anderen Städten den Bau des Centers. Glücklicherweise konnte Remscheid für das Invest mit McArthurGlen einen Premiumpartner gewinnen, der schon viele erfolgreiche Designer-Outlets wie z.B. in Roermond umgesetzt hat.

„Ökonomisch rechne ich mit einem starken wirtschaftlichen Impuls für die Lenneper Altstadt, der Gastronomie und weiteren Einzelhandel mit sich bringt.“

Stationärer lokaler Einzelhandel wird durch den eher touristischen Einzelhandel des DOC gestärkt. Die Stadt Remscheid stellt sich sicher rasch auf den touristischen Einzelhandelsansatz ein, der auch der Versorgung der lokalen Bevölkerung dienen wird. 

BDA: Das moderne DOC neben der historischen Altstadt von Lennep – ist das spannend oder tut das weh? Wie sehen Sie das, Frau Welke?

Welke: Ich sehe das sehr positiv. Und stimme mit dem, was Herr Heinze gesagt hat, voll überein. Was mir manchmal schon im Kopf herumschwirrt ist der Gedanke, was mache ich in zwanzig Jahren, wenn das vielleicht auch nicht mehr läuft, also eine Art Zweitverwendungsnachweis eines solchen Areals. Baue ich es dann zum seniorengerechten Wohnen um, oder reiße ich alles ab, weil ich so gebaut habe, dass ich alles wieder recyceln kann. Das sind die Themen, die mich bei dem DOC auch bewegen. Aber grundsätzlich bin ich ein Befürworter dieses Projekts und sehe für den Altstadtkern Chancen. 

Heinze: Das Interessante ist, dass das DOC etwas Integratives hat, denn es wird von den Remscheidern als gesamtstädtisches Projekt gesehen und nicht als das Projekt eines einzelnen Stadtteils. Der Investor betrachtet das Projekt ohnehin regional: Es wird als DOC Köln – Düsseldorf bezeichnet. Die Remscheider, nicht nur in Lennep, sondern auch z.B. in Lüttringhausen sehen diese Entwicklung als ihre eigene an. Sie identifizieren sich damit: ein toller Integrationsprozess.

BDA: Zum Abschluss – was begeistert Sie persönlich am Remscheid?

Welke: Die Natur, Wasser, Wald und Hügel.

Heinze: Mich faszinieren die Topografie und das Unlogische in der Stadtentwicklung, also dass sich die Stadt nicht sofort erschließt. Mit bebauten Höhenrücken und unbebauten Tälern. Ebenso die große Innovationskraft der Wirtschaft sowie die starken Umbrüche in der in der Stadt selbst. Remscheid ist im Werden. Die Stadt ist dabei, sich neu zu (er)finden. Das ist ein superinteressanter Prozess, der mich auch begeistert. Es gibt viele Mitstreiter, die diese Entwicklung mittragen und ihre Kraft investieren. Das macht die Stadtbevölkerung aus sich heraus, das finde ich gut.

Das Interview für den BDA führte Monika Medam.