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„Die Mischung macht’s“ in Aachen: Typisch Stadt. Perspektiven zur Zukunft des Kármán Forums

17. Oktober 2017

Der BDA Aachen wandelte das Jahresthema des Landesverbandes NRW etwas ab und formulierte: „Die Mischung macht‘s – ein neues Gefühl von Hochschule.“ Das machte durchaus Sinn, denn auch unter diesem Titel geht es in Aachen um „ein neues Gefühl von Stadt“, um ein neues Gefühl von Wissenschaftsstadt.

Der aktuelle Anlass der denkwerk:stadt #3 am Freitag/Samstag und der Diskussionsveranstaltung am Freitagabend ist die Entscheidung der RWTH Aachen, ihren riesigen Instituts- und Hörsaalkomplex „Kármán-Forum“ teilweise zu schließen. Das Forum erstreckt sich mit diversen Gebäuden vom RWTH-Hauptgebäude weit hinunter bis zur Innenstadt. Es bildet die Schnittstelle zwischen Hochschule und Kernstadt. Seit 2015 steht es unter Denkmalschutz.

Nach 40 Jahren Nutzung ist das Kármán aber stark renovierungsbedürftig, weshalb die Hochschule den großen Hörsaaltrakt zum Sommersemester 2017 „außer Betrieb“ genommen hat. Den Trakt zu schließen war erst jetzt möglich, weil seit dem Sommersemester mit dem neuen Hörsaalzentrum C.A.R.L. mehr als 4000 neue Hörsaalplätze zur Verfügung stehen.

Die Frage, die der BDA Aachen stellt, ist also: Welche Zukunft hat das Kármán-Forum? Die Stadt Aachen schmückt sich mit dem Attribut „Wissenschaftsstadt“. Kann sich das Forum etwa zu einem Haus der Wissenschaft entwickeln, zu einem Ort, an dem Wissenschaft/Hochschule für den Bürger konkret erlebbar wird? Wie kann es künftig Bindeglied werden zwischen Hochschule und Stadt?

Antworten suchte eine öffentliche Veranstaltung, zu der der BDA und der Verein „aachen_fenster – raum für bauen und kultur“ eingeladen hatten. Das Interesse war überwältigend: Der Saal im Haus Löwenstein war mit mehr als hundert Zuhörern gesteckt voll. Die Besucher hatten sich vom prall gefüllten, vierstündigen Programm nicht schrecken lassen. Sie wurden mit einem hochspannenden Abend belohnt.

Hans-Dieter Collinet (rechts) und Prof. Klaus Klever begrüßen das zahlreich erschienene Publikum

„Mit der Schließung des Hörsaaltraktes als Herzstück des Kármán-Forums droht nicht nur, dass dieser sensible innerstädtische Stadtraum seine Funktion als Bindeglied Hochschule-Kernstadt verliert, sondern auch eine fragwürdige schleichende Verlagerung des studentischen Lebens“, beschrieb Architekt Hans-Dieter Collinet, Vorsitzender des aachen_fenster, mögliche Folgen. Architekten, Städteplaner und Landschaftsgestalter aus nah und fern, Architektur-Studierende der RWTH, Vertreter der Stadt und Ratspolitiker gaben Denkanstöße.

Eine Schrecksekunde gab es freilich zu Beginn; Schrecksekunde insofern, als alle Fragen und Anregungen derzeit als verfrüht schienen und das Thema damit zum jetzigen Zeitpunkt erledigt war. Denn Gabriele Golubowitsch, Leitende Baudirektorin der RWTH, und Architekt Herbert Holler vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW verlasen eine gemeinsam genau abgestimmte Erklärung: „Eine weitere Nutzung des Kármán in der jetzigen Form ist aufgrund des Gebäudezustandes ohne umfassende Sanierung nicht möglich. Was die Folgenutzung betrifft, stehen Bau- und Liegenschaftsbetrieb und RWTH im engen Dialog miteinander, um gemeinsam ein stufenweises Hochschul-Sanierungskonzept für den Kernbereich der RWTH (Kármán, Audimax, Hauptgebäude) zu entwickeln und gleichzeitig die erforderlichen Hörsaalkapazitäten und Ersatzflächen während der Arbeiten vorzuhalten.“

Zum Hörsaaltrakt hielt die Baudirektorin unmissverständlich fest: „Wir haben weiteren Bedarf für die nächsten zehn Jahre.“ Das bedeutet nichts anderes als: Es kann dauern mit einer an diesem Ort vorstellbaren intensiven Verzahnung RWTH-Innenstadt. Eigentümer des Areals ist das Land, die RWTH ist nur Nutzer – und die finanziellen Ressourcen sind „spärlich“ (Golubowitsch).

Die Diskussion zeigte, dass der BDA Aachen und aachen_fenster dennoch richtig lagen und gut daran taten, frühzeitig den öffentlichen Dialog zu führen und Impulse zu geben. „Wir mögen es, es kann nicht ersetzt werden“, plädierten Sprecher der Studierenden dafür, „dass das Forum ein Ort, ein Zentrum für die Studierenden bleibt“. Wolf Büttner, einer der ehemaligen Architekten des Forums, empfahl: Denkmal nicht abreißen, sondern umnutzen, mischen, studentische Wohnungen ermöglichen.

„Wie stark darf ich das als Denkmal besonders erhaltenswertes Gebäude verändern?“ fragte Stadtplaner Michael Hecker. Andrea Pufke, Leiterin des Amts für Denkmalpflege beim Landschaftsverband Rheinland, gab die Antwort: „Ich kenne kein Denkmal, das nicht umgenutzt werden kann. Eine Tabuisierung von Veränderung ist schlicht falsch.“ In das Forum dürfe man allerdings „nicht mit dem Bagger rein“.

v.l.: Prof. Christian Raabe (RWTH), Dr. Andrea Pufke (LVR), Tim Rieniets (StadtBauKultur NRW)

 

v.l. Niels Christian Schaffert, Stadt Aachen, Leiter Fachbereich Stadtentwicklung und Verkehrsanlagen, Amien Idries, Moderator, Gabriele Golubowitsch, Baudezernentin RWTH, Herbert Holler, BLB Aachen

Das „Haus der Wissenschaft“ in Braunschweig, seit zehn Jahren arbeitend und eine Idee auch für das künftige Kármán, konnte seine Geschäftsführerin Karen Oltersdorf ob des geballten Programms leider nur grob skizzieren: Plattform, wo Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm heraus- und mit der Gesellschaft zusammenkommt, wo Bürger erfahren, was Wissenschaft macht, „wo man auch beim Shopping so ganz beiläufig mal reinschaut“. Auch Jürgen Kippenhan, Lehrbeauftragter am philosophischen Institut der RWTH, wünscht sich einen Ort, „der atmosphärisch den Boden bereitet, damit Wissenschaftler und Leute sich begegnen und auf Augenhöhe miteinander reden können“.

Dieter Begaß, Leiter des städtischen Fachbereichs Wirtschaftsförderung, bekräftigte, die Stadt wolle ihr Profil als Wissenschaftsstadt weiter ausbauen. „In Aachen wird Zukunft gemacht“, so Begaß. Deshalb sei es wichtig, an einem Ort „den Bürgern zu zeigen, was Wissenschaft in Aachen auf die Beine stellt“. Den Trend zur „urbanen Universität“, zur Universität in der Stadt, beleuchtete Professor Franz Pesch, Innenstadtentwickler aus Stuttgart. Doch derzeit sei „das Ding nicht urban, die Mitte ist leer“. Stadt und Hochschule riet er zu einem Konzept für eine gemeinsame Nutzung.

Vom Westbahnhof kommend bis zum Forum habe er „schreckliche Räume, keinen Platz, wo man sich wohlfühlt“ im Hochschulviertel gesehen, schilderte der niederländische Architekt René Daniels aus Maastricht seine Eindrücke. Das Forum eigne sich deshalb wunderbar, einen Raum zu schaffen, um die Bürger mit der Wissenschaft zusammenzuführen.

Als „Steinwüste ohne jedes Grün“ beschrieb der Aachener Großinvestor Norbert Hermanns das „prominente Grundstück“. Es reiche nicht aus, den Hörsaaltrakt nur technisch auf den neusten Stand zu bringen. An diesem zentralen Platz könne die RWTH zeigen, „wie eine Universität im 21. Jahrhundert aussieht“. Das „Riesenpotenzial für einen Platz, an dem wieder alle zusammenkommen“, unterstrichen ebenfalls Sprecher des Büros Teleinternetcafé, Berlin, und der Aachener RWTH-Initiative Collective Incubator.

Diskussionen zu später Stunde. Stehend: Wolf Büttner, Projektarchitekt Kármán Forum

Die letzte Themenrunde gehörte der Politik. Eine räumliche Verbindung von der Hochschule zum Aachener Markt zu schaffen sei auch das Ziel der Politik, „aber wir können den Eigentümer nicht zwingen“, betrachtete Alexander Gilson (CDU) die Bedingungen leicht skeptisch. Boris Linden (SPD) meinte, auch wenn die RWTH weitere zehn Jahre Bedarf für das Kármán-Forum anmelde, seien es „zehn verschenkte Jahre, wenn wir nicht schon jetzt über seine Zukunft nachdenken“. In den Komplex müsse „Leben rein“.

„Nutzbar machen für die Stadt, ihre Bürger und die Uni“, riet auch Peter Blum (FDP). „Der Phantasie sind Tür und Tor geöffnet“, ist Marc Beus (Die Linke) optimistisch, die Hochschule müsse sich öffnen gegenüber der Stadt, deren Einflussmöglichkeiten allerdings begrenzt seien. Ulrich Gaube (Grüne) empfahl „Workshops zur Planung der künftigen Nutzung des Kármán“. Bei längerer Schießung der Hörsäle befürchte er zudem Vandalismus auf dem Gelände.

Nach den vier intensiven Stunden auf hohem Niveau fasste Klaus Klever, Vorsitzender des BDA Aachen, das Ergebnis zufrieden zusammen: „Es ist eingetreten, was wir erhofft haben: Das Thema ist jetzt da.“ Der BDA Aachen hat in der Tat mit einer anspruchsvollen Veranstaltung den Akteuren von Land, RWTH und Stadt einen hilfreichen Anstoß gegeben, sich weiter mit dem hochsensiblen Innenstadtbereich Kármán-Forum intensiv auseinanderzusetzen.

Die Aachener Veranstaltung „Die Mischung macht’s – ein neues Gefühl von Hochschule“ war eingebettet in einen zweitägigen Workshop, zu dem BDA und aachen_fenster RWTH-Studierende und Architekten eingeladen hatten. Die Frage auch hier: Wie kann das Forum Teil der Stadt werden, wie ist die Schnittstelle Hochschule-Innenstadt zu gestalten?

denkwerk:stadt: Wie kann das Forum Teil der Stadt werden?

Antworten: Neue Wegeführung vom RWTH-Hauptgebäude durch das Kármán-Areal bis zum Marktplatz. Urbaner Teil mit Wohnen-Leben-Ausstellungen. Herzstück Hörsaaltrakt erhalten, das Denkmal „nicht anpacken“, einzelne Bauten jedoch abreißen. Plätze schaffen. Öffentlicher Park im unteren Teil zur Stadt hin. „Landschaften“ anlegen, eine Studenten-Bürger-Wiese. Gebäude durch gläserne Brücken verbinden. Vorhandene „riesige Betonröhren“ freistellen und dadurch die Gebäude in der Stadt ringsum aufwerten. Großzügige Treppen gegenüber dem Hauptgebäude. Den flachen Kopfbau gegenüber dem Hauptgebäude, „derzeit eine bessere Garage“, repräsentativ umwandeln und in der Breite des Hauptgebäudes aufstocken. Uni- und Stadtbibliothek vereinen. Studentisches Wohnen in Teilbereichen.

Ein Vorschlag ragte heraus: Über das Denkmal aus den 70er Jahren „in zwei Schichten etwas Neues legen“, ein kühnes, elegantes, gläsernes „Haus der Wissenschaft“. (Text: Werner Czempas/Fotos: Heike Lachmann)